Was
brauchen Familien wirklich?
Familiennetzwerk fordert Umdenken in der Familienpolitik
von Hildegard Piepenburg
Deutschland gehen die Kinder aus. Mit dem Modell der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch einjähriges verdienstabhängiges Elterngeld und den massiven Ausbau staatlicher Betreuungsangebote glaubt die Regierungskoalition gleich mehrere gesellschaftliche Herausforderungen mit einem Schlag lösen zu können: die Überalterung der Gesellschaft, den daraus drohenden Kollaps der Sozialsysteme, den Fachkräftemangel der Wirtschaft und die Kinderarmut.
Ganz anders beurteilen Initiativen von der gesellschaftlichen Basis die Problematik. Sie kritisieren, dass das staatlich favorisierte und mit Steuermitteln massiv geförderte Doppelverdiener-Modell die Familien in ihrer Aufgabe und Substanz schwächt und nicht die erwünschten Lösungen bringen wird.
Eine solche Initiative ist das seit 2005 bestehende Familiennetzwerk Deutschland, ein bundesweiter Zusammenschluss von Familien, Vereinen, Initiativen, Wissenschaftlern und Unterstützern zur Förderung der Familie. In seiner Jahrespressekonferenz am 12.11. in Berlin mahnte das Netzwerk, dass Familienpolitik sich vor allem am Wohl der Kinder, d.h. ihren entwicklungspsychologischen Bedürfnissen, orientieren müsse und forderte die Anerkennung der Erziehungsleistung der Eltern.
„Krippenerziehung ist Risikoerziehung“, sagte Maria Steuer, Kinderärztin und Initiatorin des Netzwerks. Wissenschaftlich sei klar erwiesen, dass früher Stress durch Trennung von der Mutter das Gehirnwachstum bremse. Doch Informationen darüber würden vorenthalten oder einseitig wiedergegeben. Außerdem statte die Natur die Mutter mit entsprechenden Hormonen aus, um ihr Kind bestmöglich betreuen zu können - eine noch so gut ausgebildete Erzieherin habe diese aber nicht. Mutter müsse endlich als Beruf anerkannt werden. Zudem sei trotz des stetigen Anstiegs der Frauenerwerbsquote die Kinderarmut im Land rasant gewachsen.
Mit der Anerkennung der elterlichen Erziehungsleistung fordert das Netzwerk nichts Neues. In den vier sog. „Familienurteilen“ des Bundesverfassungsgerichts wurde der Gesetzgeber mehrfach aufgefordert, seiner Verpflichtung zum Schutz der Familie (GG Artikel 6) nachzukommen: Im Steuer-, Renten- und Sozialsystem müsse ein Ausgleich zwischen Erwerbsarbeit und häuslicher Erziehungsleistung geschaffen werden.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unterstützte Johannes Singhammer (CSU), der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dieses Anliegen. Ein praktikabler Weg sei es, die Vielzahl von Familienleistungen auf drei „Autobahnen“, also bei Steuern, direkten Transfers und den sozialen Sicherungssystemen zu bündeln, wobei allein schon durch bürokratische Einsparungen sowie mit Mitteln, die durch den Geburtenrückgang frei würden, eine finanzielle Entlastung für Familien erreicht werden könne.
Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Linkspartei im Saarland und Frau von Oskar Lafontaine, stellte dagegen ein anderes Modell vor: die Auszahlung eines Erziehungsgehalts an alle Eltern von 1600 Euro pro Kind (0-3 Jahre) pro Monat bzw. 500 Euro (4-18 Jahre). Mit diesem sozialversicherungspflichtigen Einkommen werde die Erziehungsarbeit per se gewürdigt und nicht vom Erwerbseinkommen abhängig gemacht. Die Eltern seien frei, selbst zu bestimmen, ob ein Elternteil sich um die Kinder kümmern wolle oder ob das Geld für eine Betreuungseinrichtung ausgegeben werde. Nach Berechnungen des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung schulde der Staat den Eltern selbst nach Abzug der Transferleistungen 77.000 Euro pro Kind, die sie mehr in das Steuer- und Sozialsystem einzahlten, als sie jemals wieder zurückerhielten.
Vera Bünnagel vom Otto-Wolf-Institut für Wirtschaftsordnung räumte zwar ein, dass es schwer sei, Erziehungsleistungen in Zahlen zu berechnen, doch auch sie betonte, dass das Rentensystem so umgestaltet werden müsse, dass alle, die etwas für das System tun, also auch Investitionen ins „Humankapital“ leisten, etwas zurückbekommen. Derzeit sei es aber so, dass die eine Seite (Eltern) nicht den vollständigen Nutzen erhalten, während die andere Seite (Kinderlose) Nutzen bekomme, der ihr nicht zusteht.
Betreibt das Familiennetzwerk also vornehmlich Lobbyarbeit, um den Familien das ihnen unrechtmäßig vorenthaltene Geld zu erstreiten? Nicht nur, denn bei der Forderung nach öffentlicher Wertschätzung der Familie geht es auch um ideelle Werte und um nichts Geringeres als den Fortbestand unserer Kultur.
Der Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann brachte den Wert der liebevollen Eltern-Kind-Beziehung in die Debatte ein: „Eine Kultur, die das Glück der Kinder nicht in das Zentrum der Fürsorge stellt und Mütterlichkeit und Väterlichkeit nicht wertschätzt und würdigt, wird nicht überleben - und sie verdient es auch nicht!“ Die Einzigartigkeit der Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern sei die „Substanz des menschlichen Glücks und einer sozialen Kultur“. Es sei erwiesen, dass durch eine zu lange Trennung von der Mutter das Zeitgefühl des Säuglings zerrissen und damit auch sein Raum- und Körpergefühl empfindlich gestört werde. Eine sichere emotionale Bindung zur Mutter in den ersten drei Jahren sei die Voraussetzung für die spätere Bildungsfähigkeit.
Warum fällt es dann der Politik so schwer, einfache Grundwahrheiten des Lebens, die heute so augenscheinlich von Neurowissenschaftlern und Psychologen bestätigt werden, wahrzunehmen und in handfeste Politik umzusetzen? Johannes Singhammer bedauerte, dass Politiker sich selten „auf Augenhöhe eines Kindes begeben“. Christa Müller beklagte eine „unheilvolle Koalition zwischen Feministinnen und der Wirtschaft“. Die Frau müsse nicht nur gleichberechtigt sein, wenn sie das gleiche tue wie der Mann, sondern sie sei gleichberechtigt, wenn das, was sie tue, gleichermaßen geschätzt werde wie die Arbeit eines Mannes.
Christiane Lambrecht, Koordinatorin der 70 Regionalbüros des Familiennetzwerks, rief zu einem tiefgreifenden Bewusstseinswandel und einem modernen, neuen Familienbild auf: „Wir wollen nicht zurück zur konservativen Familie, denn dort war die Frau vom Mann abhängig. Heute jedoch hat sie eine Ausbildung und kann nach der frei und bewusst gewählten Erziehungsarbeit auch wieder ihren Beruf ausüben.“ Nicht „zurück an den Herd“ ist also die Devise der Familien-Netzwerker, sondern zurück auf den Boden der Verfassung, d.h. hin zur Wertschätzung und Anerkennung der Erziehungsleistung der Eltern - und insbesondere des Mutterberufs - durch Staat und Gesellschaft.
Die Anmahnung dieser Bürgerinitiative kommt zurecht in einer Zeit, wo das Bewusstsein schwindet, dass intakte Familien der Nährboden und die Keimzelle einer friedlichen, freien und florierenden Gesellschaft sind. Wir können weder auf sie verzichten noch dulden, dass sie weiterhin als „Melkkühe“ des Staates missbraucht und gleichzeitig diskreditiert werden. Nur eine neue, gezielt und bewusst geförderte Familienkultur – und nicht die aufwändige staatliche Fremdbetreuung von Kindern zur Erfüllung wirtschaftlicher und emanzipatorischer Ziele - kann uns alle nachhaltig vor drohendem Zerfall und Verelendung bewahren.