Islam und Moderne
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen organisiert
Fachtagung im Parlament
Berlin, 14.12.2007
Omid Nouripour, MdB seit September 2006, war Initiator der Fachtagung „Islam und Moderne“ im Paul Löbe Haus im Bundestag. Die UPF-Deutschland als eine NGO, die den interreligiösen Dialog und Integration verschiedener ethnischer und religiöser Minderheiten als eine ihrer wichtigsten Zielsetzung betrachtet, war ebenfalls dazu eingeladen.
Nouripour wurde unterstützt durch drei weiter MdBs, Fraktionsvorsitzende der Bündnis 90/Die Grünen Renate Künast, Josef Winkler, Sprecher für Kirchenpolitik und interreligiösem Dialog, und Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher und Mitglied im Ältestenrat.
Dr. Navid Kermani, Orientalist und freier Schriftsteller, begann die erste Runde „Islam und Demokratie: Zwei unvereinbare Gegensätze?“ mit der Frage: „Welche Art der Moderne meinen wir eigentlich, und wie definieren wir die Moderne?“. Er berichtete dann von modernen shopping malls in Kairo für die Mittelschicht als Beispiel, wie das, was wir landläufig als „Moderne“ bezeichnen durchaus in Teilen der arabischen Welt zu finden ist. Dennoch lässt sich gleichzeitig eine vertiefte Frömmigkeit unter den Menschen beobachten, die sich an die Vorgaben ihrer Religion (Kleidung, Gebetszeiten etc.) strikter halten, als noch vor 20 Jahren.
Wie viele andere Islamwissenschaftler plädiert auch Kermani dafür, den Inhalt des Koran in seinem historischen Kontext zu verstehen und zu interpretieren. „Wir dürfen nicht den Fehler machen, und uns der Sprache der Fundamentalisten bedienen, die keinerlei Interpretation zulassen.“ Es gibt westliche Islamexperten, so Kermani, die einzelne Koranverse herauspicken und damit beweisen wollen, dass der Islam unvereinbar mit westlichen Werten und Demokratieverständis sei, bedienten sich der gleichen Argumentationsweise, wie Islamisten. Die Behauptung „der Islam ist das Problem“ wird dann bei den Fundamentalisten im Umkehrschluss zum Postulat „der Islam ist die Lösung“.
Darauf nahm auch Heidrun Tempel, Beauftragte für den Dialog zwisdchen den Kulturen im Auswärtigen Amt, Bezug. Menschen haben eben nicht nur eine religiöse Identität, so Tempel, sondern führen immer ein sehr vielschichtiges Leben. Überhaupt müsse man sich fragen, über welche Moderne man sprechen will: „Brauchen wir nicht so etwas wie eine aufgeklärte Aufklärung?“
Renate Künast zitierte im dritten Beitrag eine Umfrage der Berliner Zeitung, wonach über 40% der Befragten glauben, dass Islam und Rechtsstaat unvereinbar seien. Sie selbst glaube aber nicht, dass man den Islam als monokausale Ursache für die Modernisierungsdefizite verantwortlich machen kann. Vielmehr sei es in der Vergangenheit der Bundesregierung nicht gelungen, die muslimischen Einwanderer in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Anstatt in Beruf, Schule und Nachbarschaft ein neues Zuhause zu finden, tendieren muslimische Zuwandererfamilien dahin, sich in ihre vier Wände zurückzuziehen und sich per Satellitenschüssel die arabische oder türkische Kultur ins Haus zu holen und nichts anderes zuzulassen. Dabei sind gerade persönliche Kontakte und unmittelbare Freundschaften für das gegenseitige Verständnis von größter Bedeutung: „viele Ungereimtheiten lösen sich auf, wenn wir uns erst mal richtig kennen lernen.“ Künast hatte dann noch die bemerkenswerte Idee, sozusagen die Schüsseln umzudrehen und unsere Werte und Kultur zu den Familien im Nahen Osten zu senden.
Volker Beck machte darauf aufmerksam, dass die islamische Gemeinschaft nicht ungeliebte Gruppen, wie beispielsweise die Bahai Gemeinschaft, vom interreligiösen Dialog einfach ausgrenzen könne: „Religionsfreiheit muss für alle gleichermaßen gelten.“
Die zweite Runde unter der Überschrift „Islam im Westen: Heimat oder Diaspora?“, moderiert von MdB Josef Winkler, eröffnete Geneive Abdo, Journalistin und Publizistin in den USA. Sie sprach besonders darüber, wie die 2. und 3. Generation der Muslime in den USA nach den Ereignissen des 11. Sept. 2001 plötzlich mit der Notwenigkeit konfrontiert wurden, ihre Identität schärfer zu definieren und sich in der Gesellschaft zu erklären. Zahlreiche Muslim Students Associations wurden gegründet und Religionsgelehrte, auch von außerhalb der Vereinigten Staaten, eingeladen, das Wesen des Islam zu erklären. Da sie selbst in Amerika geboren wurden und auch geographisch von den Ländern des Nahen Ostens weit entfernt sind, fehlt ihnen die Erfahrung der Eltern oder Großeltern, die aus den Ursprungsländern in die USA emigrierten. Im Gegensatz zur muslimischen Bevölkerung in den Ländern Europas haben die 6 Millionen Muslime in den USA ein Aubildungs- und Einkommensniveau, das über dem Durchschnitt der Bevölkerung liegt. Während nach Europa hauptsächlich einfache Leute auf der Suche nach Arbeit als „Gastarbeiter“ kamen, waren es ausgebildete Ärzte und Rechtsanwälte, die in den USA Karriere machen wollten.
Anas Schakfeh, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, beantwortete die Frage „Islam im Westen: Heimat oder Diaspora“ für sein Land eindeutig mit „Heimat“. Bereits seit 1912, also noch unter der k und k Doppelmonarchie, erhielten die Muslime den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, was in Westeuropa einmalig ist. Ausführlich berichtete er über die zweite Paneuropäische Imamkonferenz in Graz in 2003, in der die dort versammelten Imame in einer Grundsatzerklärung übereinkamen, dass der Islam sehr wohl mit der europäischen Identität vereinbar sein. Jeder Muslim ist dem geltenden Gesetz und der Verfassung seines Landes verpflichtet. Die mittelalterliche Einteilung (wie sie immer wieder von Islamisten vorgebracht wird) in Dar ul-Islam (also Hoheitsgebiete unter islamischer Herrschaft) und Dar ul-Harb (Hoheitsgebiete unter nicht-islamischer Herrschaft, die eingenommen werden sollten) steht weder im Koran noch in der Sunnah. Sie ist ein historisches Konstrukt und sollte für die heutige Zeit strikt abgelehnt werden. „Wir Muslime“, so Schakfeh, „fühlen uns wohl in unserer neuen Heimat Östereich.“
Mounir Assaoui, Politikwissenschaftler und Sprecher der Grünen für islamische Angelegenheiten, berichtete über die allgemein ablehnende Haltung gegenüber dem von Bassam Tibi geprägten Begriff „Euroislam“. Bezüglich der Muslime, so Assaoui, sollte man besser von Adaption anstatt Integration sprechen. Muslime gehen ihren eigenen Weg in die Moderne, was beispielsweise an einem islamisch geprägten Feminismus sehr gut beobachtet werden kann, wobei die Vertreterinnen dieser Richtung ihre Forderung nach Emazipation der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann mit Versen aus dem Koran begründen. Auch bezüglich der architektonischen Entwicklung im Moscheenbau sieht Assaoui eine eigenständige Entwicklung des Islam in Richtung Moderne: während sich die frühen Moscheebauten noch strikt an Vorbilder aus der islamischen Welt orientierten, stellen moderne Moscheen heute in der Regel eine Kombination aus klassisch islamischen und westlich-europäischen Baustilen dar. In Zukunf, so Assaoui, könnte man sich durchaus Moscheen vorstellen, die ganz nach westlichem Stil erbaut sind, eventuell sogar ohne Minarett.
Der dritte Teil der Fachtagung wurde moderiert von MdB Volker Beck. Unter der Überschrift „Islam macht Politk: Reformmotor oder Bremse“ sprachen Dr. Johannes Reisner, Stiftung Wissenschaft und Politik, Souad Mekhennet, Journalistin und Yassin Musharbash, Islamwissenschaftler.
Fritz Piepenburg