20 Jahre nach dem Fall der Mauer
UPF-Deutschland lädt Zeitzeugen zu einer Konferenz nach Dresden ein
„Es waren die Ostdeutschen, die mutig auf die Straße gingen und für ihre Freiheit kämpften. Westdeutsche sind nicht auf die Straße gegangen, um gegen die Mauer und für die Wiedervereinigung zu demonstrieren“, resümierte Dr. Dieter Schmidt vom Vorstand der UPF-Deutschland die Situation vor dem Mauerfall in seiner Begrüßung der etwa 80 Teilnehmer an einer Konferenz unter dem Titel „20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Die Wiedervereinigung Deutschlands – eine Bestandsaufnahme“ vom 6. bis 8.11. in der Cityherberge in Dresden erinnerte er an jene schicksalsträchtigen Monate Oktober und November 1989, in denen „republikmüde DDR Bürger“ zu Zehntausenden friedlich, aber mit großer Entschlossenheit für Freiheit und Menschenrechte in ihrem Land demonstrierten. „Wer konnte sich damals vorstellen, dass wir heute, nach 20 Jahren, eine Bundeskanzlerin haben, die aus dieser ehemaligen DDR kommt?“ fragte er seine Zuhörer. „Was noch geschehen muss, ist das Einreißen der unsichtbaren Mauern, die in diesem Lande immer noch existieren zwischen den Religionen, aber auch zwischen arm und reich“.
Dr. Elke Preusser-Franke, Vorsitzende des Jüdischen Frauenvereins Dresden e.V. und Gastgeberin der Konferenz, gab in ihrer Begrüßung einen Überblick über die Geschichte ihrer Stadt: „Es waren in der Hauptsache jüdische Händler, welche die Furt an der Elbe auf der Handelsstraße von Italien nach Böhmen zu einer befestigten Marktsiedlung machten.“ Später, besonders in der Regierungszeit August des Starken, kam das geflügelte Wort auf: „In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig wird gehandelt und in Dresden wird das Geld verprasst.“ Tatsächlich gab es schon immer ein wenig Konkurrenzdenken mit der viel größeren Stadt Leipzig. „Aber“, so Preusser-Franke, „in der jüngsten Geschichte war Dresden Leipzig in einem voraus: während in Leipzig im Oktober 1989 noch demonstriert wurde, hat Dresden mit Hilfe der ‚Gruppe der 20‘ schon längst mit Regierungsvertretern verhandelt!“
Claus Dubisz, Büroleiter eines Reiseunternehmens, erinnerte sich an die Zeiten, als er bei CARP, einer Studentenbewegung, aktiv war. Der Einsatz dieser Organisation, die immer an eine Überwindung der Mauer und die Wiedervereinigung geglaubt hatte, entwickelte sich von symbolischen Aktionen zu regelrechten Demonstrationen gegen Mauer und Teilung. Als sich die CARP in den 70er und 80er Jahren gegen Kommunismus und für ein wiedervereintes Deutschland aussprach, wurden ihre Mitglieder als Faschisten beschimpft und attackiert. Zur großen Überraschen der Autonomen und 68er organisierte CARP am 13.08.1982 einen gemeinsamen Auftritt in unmittelbarer Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit dem Mitbegründer der Black Panter Party und ehemaligen Kommunisten Eldrige Cleaver. Inspiriert durch die Worte von Präsident Reagan im Juni 1987 „Mr. Gorbatschov, tear down this wall“, veranstaltete CARP im August desselben Jahres unter dem Motto „Die Mauer muss weg“ einen großen Friedensmarsch mit Kundgebung an der Mauer. Die Demonstranten, die aus ganz Europa angereist waren, mussten damals von der Polizei gegen gewaltsame Übergriffe aus der linken Szene geschützt werden. Dubisz beendete seine Ausführungen mit einem Zitat des Gründers der Vereinigungsbewegung Dr. Sun Myung Moon aus seiner kürzlich erschienenen Biographie. Darin drückt Moon seine Bewunderung für die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands aus, die auch deshalb so friedlich verlief, weil die DDR-Machthaber unter einem vereinten Deutschland nicht um Leib und Leben fürchten mussten.
Zeitzeugen berichten
Prof. (em.) Dr. Konrad Löw, Politologe der Universität Bayreuth, stellte seine Ausführungen unter die Überschrift „Die Wiedervereinigung – ein Geschenk wider Willen?“ Tatsächlich waren die Parteien im Westen genauso wenig auf den plötzlichen Mauerfall vorbereitet wie die SED im Osten. Immerhin drängte zumindest die CDU als Regierungspartei unter Kohl darauf, dass die „deutsche Frage“ offen bleiben sollte und, im Gegensatz zur Politik der SPD, die zwei Staaten auf deutschem Boden nicht als unumstößliches Faktum akzeptiert werden dürfen. Unterstützt wurde diese „offene Politik“ durch Beschlüsse des Verfassungsgerichts, die die beiden Staaten zwar als geteilt, aber dennoch zu einem Deutschland gehörig betrachteten, vergleichbar mit den Bundesländern. Kritik übte Löw auch an der CSU und der „Kuschelpolitik mit Honecker“ ihres damaligen Vorsitzenden Franz Josef Strauß.

Pfarrer Erich Busse war zur Zeit der Wende Pfarrer an einer evangelischen Kirche in Ostberlin. Als Mitbegründer des „Neuen Forums“ stellte er seine Kirche für Zusammenkünfte und Versammlungen des Forums bereit. Nie zuvor, und auch niemals danach, waren die Kirchen so voller aufmerksamer Zuhörer wie zur Zeit des Neuen Forums. Busse begann seine Ausführungen mit einer Kritik am Verhalten der Kirchen in den Zeiten der industriellen Revolution und später des Nationalsozialismus. Es gab von kirchlicher Seite zu wenig Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Rassenlehre und Judenhass, was zumindest von der evangelischen Kirche im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ vom 19. Oktober 1945 eingestanden wurde. „Wenn unsere Politiker etwas ähnliches zustande gebracht hätten“, so Busse, „dann hätte es keine 68er Bewegung gegeben.“ Busse erklärte, dass die friedliche Revolution in der DDR sich aus vielen Quellen speiste und schon lange vor 1989 begonnen hat. Allerdings spielten die Kirchen mit ihrer kompromisslosen Gewaltlosigkeit und ihrem mutigen Auftreten der Staatssicherheit gegenüber eine entscheidende Rolle. Erst als einige (nicht alle) evangelische Kirchen ihre Räumlichkeiten für Massenzusammenkünfte, natürlich gegen den Willen der Machthaber, zur Verfügung stellten, konnten sich Massenkundgebungen und Demonstrationen bilden. Dabei war die Gewaltlosigkeit das oberste Postulat. Später öffneten auch katholische Pfarrer ihre Kirchenpforten für Versammlungen, nachdem sie anfänglich ihre evangelischen Kollegen mit einem „wir beten für euch“ vertröstet hatten.
Dr. Frank Richter, damals Kaplan einer katholischen Kirche in Dresden und heute Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen, gehörte der berühmt gewordenen „Gruppe der 20“ an, die von den Demonstranten ausgewählt wurde, um die Forderungen, die der Gruppe aus der Menge zugerufen wurden, dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer zu überbringen. Alles begann damit, dass Menschen täglich zu den Ruinen der Frauenkirche gingen, dort Kerzen aufstellten und beteten. „Wir waren auf alles gefasst“, zitierte Richter einen SED Funktionär, „nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Grotesk wurde es dann am 7.10., als vormittags die Feierlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestages der DDR abgehalten wurden. Abends saß die gesamte SED Führung im Rathaus beim Feiern, während draußen auf der Straße die Bürger marschierten und riefen: „Wir sind das Volk!“ Einen Tag später kam es zur Bildung der Gruppe der 20 und der Zusage des Oberbürgermeisters. Berghofer lenkte ein – zum Glück gab es kein Blutvergießen und keine gewaltsamen Auseinandersetzungen. „Und was nun?“ fragten sich die Leute. „Jetzt geh mer heem“ war die Antwort.
Dr. Jörg Wolf, Mathematiker an der Humboldt Universität in Berlin, erlebte die Zeit der Wende in seiner Heimatstadt Plauen. „Die Plauener sind bekannt für ihren Dickschädel“, so Wolf. „Wenn sie an etwas glauben, dann aber richtig.“ Zehntausend, aus einer Bevölkerung von 80.000, versammelten sich Tag für Tag am Theaterplatz. Aus den Kirchen kam die Parole der Gewaltlosigkeit. Forderungen wurden zuerst vereinzelt in Reimen, dann immer lauter werdend von der Menge wiederholt. Plötzlich setzte sich die Menge in Bewegung. Es wurde marschiert, in Richtung Rathaus. Vor dem Rathaus standen Polizei und Armeeeinheiten, die zunächst mit Wasserwerfern dagegen hielten, aber ihre Maschinengewehre ebenfalls bei sich trugen. Die Wasserwerfer machten die Menge nur noch entschlossener. Sie verlangten ein Gespräch mit dem Bürgermeister. Vor die Polizisten und Soldaten wurden Kerzen gestellt. Man versuchte zu argumentieren: „ihr seid doch genauso Bürger wie wir!“ Bei aller Emotionalität, so Wolf, war doch auch eine unglaubliche Disziplin zu spüren. Keiner wurde ausfällig, kein Polizist wurde attackiert, es flog kein Stein. Auch in Plauen waren die Demonstranten erfolgreich: der Bürgermeister erklärte sich schließlich zu einem Treffen mit einer Abordnung der Demonstranten bereit und hörte sich ihre Forderungen an.
Das Deutschland der Zukunft braucht Werte
War am Vormittag die Aufarbeitung der Geschehnisse im Oktober und November 1989 das Thema, so beschäftigten sich die Referenten des Nachmittags mit der Frage „Wertegesellschaft im 21. Jahrhundert“ – wie soll es weitergehen? Francesco Conidi, Philosoph und Spracheninstrukteur an der Hochschule zu Köln, stellte die Frage nach der Wertegrundlage eines vereinten Deutschlands. „Beide Parlamente“, so Conidi, „entschieden sich für das Grundgesetz als gemeinsame Basis. Dennoch steht die Politik auch heute noch vor der Aufgabe, einheitliche Strukturen zu schaffen.“ Denn für jedermann treffe gleichermaßen zu: „Jeder Mensch strebt danach, glücklich zu werden – ohne Freude ist das Leben nicht lebenswert.“
Dr. Martin Bauschke, von Haus aus Theologe und Religionswissenschaftler, war nach seinem Studium von der Idee des Weltethos so inspiriert, dass er sich der Stiftung von Hans Küng anschloss und fortan, wie er sagte, „nicht mehr nur um den eigenen Kirchturm kreisen“ wollte. In seinem engagierten Vortrag erklärte er allgemeinverständlich, was es mit dem „Projekt Weltethos“ auf sich hat. Das Projekt beabsichtigt nicht, eine „Superreligion“ zu etablieren, sondern sucht nach gemeinsamen Maßstäben des Handelns. Diese sollen ausdrücklich auch für Nichtgläubige gelten. Einer dieser gemeinsamen Maßstäbe ist die ‚Goldene Regel‘, die in dem Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füge keinem anderen zu“ ausgedrückt ist. Tatsächlich findet sich diese Weisheit, positiv oder, wie im Sprichwort, negativ formuliert, in so gut wie allen Religionen und Philosophien wieder. Aus dieser Prämisse leiten sich einige Normen ab: nicht töten, und damit, weiter gefasst, die Ablehnung von Gewaltausübung; nicht stehlen, und damit Fairness im Umgang miteinander; nicht lügen, und damit die Ablehnung jeglicher Art des Fanatismus. Eine weitere Norm in diesem Zusammenhang ist, die Sexualität nicht zu missbrauchen, oder im weiteren Sinne, gute Partnerschaften zu etablieren zwischen Ehemann und Ehefrau, und in der Folge zwischen Eltern und Kindern.
Pastor Lolowengo Botembe, Gründer der Afrikanisch-Ökumenischen Kirche in Berlin/Brandenburg und Träger des Bundesverdienstkreuzes, erinnerte die Zuhörer daran, dass Bürger mit Migrationshintergrund ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet haben. Ohne die zahlreichen Arbeiter aus Italien, Jugoslawien und der Türkei hätte es im Westen wohl kaum ein so hohes Wirtschaftswachstum gegeben. Nur, so Botembe, waren Einwanderer häufig die Verlierer der deutschen Einheit. Stipendien, die früher generös von Ost und West angeboten wurden, fielen plötzlich weg, und Entwicklungshilfeprojekte wurden zurückgefahren. Botembe selbst wurde von der ev. Kirche nach erfolgreichem Abschluss des Theologiestudiums nicht übernommen. Stattdessen gab man ihm den Rat, in sein Ursprungsland Kongo zurückzukehren und dann als Gastpfarrer wieder zu kommen. Botembe lehnte ab und gründete seine eigene Kirche. Der Pastor erläuterte auch, dass er sich vor der Wende ganz bewusst für ein Leben in der DDR entschieden habe, weil er dort mehr Mitmenschlichkeit erleben konnte als im Westen, obwohl die Leute in der Regel nicht gläubig waren.
Hildegard Piepenburg, Vorstandsmitglied in der Familienföderation e.V., begann ihren Beitrag mit der Feststellung, dass es ohne die klassische Familie, also Vater, Mutter, Kind, keine Gesellschaft gäbe und auch der Fortbestand einer bestehenden Gesellschaft nicht gesichert sein könne. Deshalb sehen sowohl die Internationalen Menschenrechte als auch das bundesdeutsche Grundgesetz die Notwendigkeit, die Familie unter ihren besonderen Schutz zu stellen. Die Familie ist dem Staat vorgestellt. Das Elternrecht, das auch eine Elternpflicht beinhaltet, kann vom Staat nur in besonderen Fällen eingeschränkt werden. Es wäre nun der falsche Weg, für das vermeintliche Kindeswohl die staatliche Macht über die Kinder in den Familien zu stärken. Viel zielführender wäre eine Stärkung der Elternkompetenz und Elternverantwortung. Experimente, die gar auf die völlige Abschaffung der Familie abzielten, wie die frühen Formen der Kibuzzim in Israel oder die Waisenhäuser in Rumänien, waren allesamt zum Scheitern verurteilt und führten zu nachhaltigen Schäden an der Psyche der Kinder. Glücklicherweise entdecken Psychologie und Soziologie mehr und mehr die inneren Werte der Familie. Mütterliche und väterliche Gefühle sind einzigartig und können nur anhand der eigenen Praxis erfahren und damit erworben werden. Die Bindungsforschung erkennt mittlerweile ganz klar, dass in den ersten drei Lebensjahren das emotionale Band, besonders zwischen Mutter und Kind, für die weitere emotionale, aber auch intellektuelle Entwicklung des Kindes von entscheidender Bedeutung ist. Häufig wechselnde Bindungspersonen überfordern das Kleinkind und führen zu seelischem Stress. Die Sozialisation des Menschen, und damit auch die Entwicklung von Solidarität und Vertrauen, die für die Gesellschaft von hohem Wert sind, findet zum großen Teil in der Familie statt. 90% der Persönlichkeitsfaktoren, die später als sog. „Humankapital“ in den Wirtschaftsprozess einfließen, stammen aus Lebenserfahrungen innerhalb der Familie. All das wird von Politik und Wirtschaft noch viel zu wenig erkannt und gewürdigt.
Am Abend feierten dann die Teilnehmer 20 Jahre deutsche Einheit mit künstlerischen Darbietungen und Kuchen. Als es dann zur späten Stunde noch ein Feuerwerk gab, war die Feier perfekt. Es bleibt das Geheimnis der Organisatoren, wie sie diesen krönenden Abschluss der Tagung so zeitgenau einplanen konnten. Außerdem hatte die Gastgeberin für den nächsten Tag eine Stadtrundfahrt durch Dresden organisiert. Natürlich stand ein Besuch der Frauenkirche auf dem Programm, gefolgt von einer Führung durch die Neue Synagoge von Dresden.
Fritz Piepenburg


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