Themen
Intelligente Feindesliebe geht davon aus, daß der Friede nur zusammen mit dem Gegner erhalten werden kann.
Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker
(1912-2007)
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher
Gesellschaft auf der Suche - Welche Werte sichern unsere Zukunft?
Am Samstag, den 12. März, fand in Berlin am Wannsee die erste Tagung des Nationalen Friedensrates der Universal Peace Federation Deutschland des Jahres 2011 statt. Etwa 80 Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik nahmen an der Konferenz teil. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden Karl-Christian Hausmann und den Beisitzer Amir Mohammed Herzog begann man zügig, die stattliche Liste der Referenten abzuarbeiten. Zu jedem Themenbereich gab es eine ausführliche Diskussionsrunde.
Werte für die Zukunft: Beiträge aus Religion und Philosophie
Dr. Elke Preusser-Franke, Vorsitzende des Jüdischen Frauenvereins Dresden e.V., vertreten durch ihre Tochter Solveig Franke, erläuterte, was "Werte" aus der Sicht des orthodoxen Judentums bedeuten. Seitdem das jüdische Volk vor 3300 Jahren am Berg Sinai die 10 Gebote und das Gesetz von Yahwe erhalten hat, hat es sich daran gehalten und so trotz heftiger Verfolgung und Anfeindung seine Identität und Existenz bewahrt. Das Elternhaus spielt bei der Weitergabe von Tradition und Wertekodex eine ganz entscheidende Rolle. Deshalb ist in der traditionellen jüdischen Gesellschaft die Wahl des richtigen Ehepartners in jedem Fall wichtiger als die Wahl des richtigen Berufs. Die 10 Gebote sind der von Yahwe gegebene Wertemaßstab für alle Menschen. Das jüdische Volk wurde dafür ausersehen, diese Gebote und Gesetze in besonderem Maße und vorbildlich einzuhalten und vorzuleben. Gebote und Gesetze können nicht kompromittiert werden. Sie bilden den unveränderlichen Wertemaßstab für Juden im Besonderen und für die Menschheit im Allgemeinen.
Katja Winkler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für christliche Anthropologie und Sozialethik an der Universität Mainz und Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "Gewaltverzicht religiöser Traditionen" an der Universität Münster, erläuterte den Wertebegriff aus der Sicht des Christentums, und innerhalb des Christentums insbesondere der Katholischen Kirche. Werte bieten Orientierung und geben eine Leitvorstellung. Sie spielen eine zentrale Rolle für das Funktionieren des Gemeinwesens (Integration), aber auch für die Ausprägung der Persönlichkeit (Identität). Dabei existieren Werte nie für sich allein, sondern gelten in der jeweiligen Situation und geschichtlichen Epoche. Es gibt durchaus einen Wertepluralismus, der auch mal zu einem Wertekonflikt führen kann. Als Beispiel für eine Weiterentwicklung im Werteverständnis der Katholischen Kirche nannte sie das 2. Vatikanum, das ja unter dem Motto "Erkenne die Zeichen der Zeit" stand. Obwohl auch in diesem Konzil der Katholizismus als die "wahre Religion" bezeichnet wird, wird gleichzeitig die Notwendigkeit der Religionsfreiheit erkannt und anerkannt, auch die Option "überhaupt nicht zu glauben" im religiösen Sinn. Man konnte eine Werteverschiebung weg von der "Heiligkeit der Wahrheit" und hin zur "Heiligkeit der Person" beobachten.
Für Ali Alinc, Mitglied der International MIHR Foundation, enthalten die Offenbarungstexte der drei Abrahamitischen Religionen entscheidende Aussagen darüber, wie der Mensch seinen ursprünglichen Wert verwirklichen kann. Erst das Gesetz Gottes macht den Menschen zum Menschen. Wenn sich der Mensch von den Geboten Gottes entfernt, wird er zunehmend individualistisch und in der Beziehung zu seinen Mitmenschen konfliktträchtiger. Der Mensch besteht aus Leib, Seele und einem von Gott eingehauchten Geist, der auf der Suche nach Gott ist. Ziel im Leben eines jeden Menschen ist die von vielen negativen Einflüssen beschmutzte Seele zu reinigen, so dass sie die Gestalt des Geistes annimmt und sich mit dem Geist Gottes, dem Einzigen und dem Ursprung der Liebe, vereinen kann. Dazu muss der Mensch allerdings Gott suchen und selbst eine Verkörperung bedingungsloser Liebe werden, die auch den Feind einschließt. Um es dem Menschen zu erleichtern, sich auf der Suche nach Ihm zu machen, schickt Gott Seine Hirten und Gesandten. Es liegt also an jedem Einzelnen, Gott, seinen Ursprung zu suchen und auf dem Weg dorthin seinen ursprünglichen Wert zu verwirklichen.
Francesco Conidi, Philosoph und Dozent an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität zu Köln, stellte klar, dass auch die Philosophie nach Werten sucht. Wohlstand allein reicht nicht. So erkannte der Psychologe und Philosoph Wolfgang Schmidbauer, dass mit steigendem Wohlstand auch die Angst zunimmt. Mit dem Verlust ethischer Werte geht ein zunehmender Verlust des Zukunftsvertrauens einher. Vom Humanismus kann man auch heute noch eine Menge lernen. In seiner ursprünglichen Form hat er keineswegs Religiosität oder Spiritualität rigoros abgelehnt, sondern nur die geistige Alleinherrschaft der Kirche in Frage gestellt. Auch dem Humanismus geht es um das Thema, wer der Mensch im Grunde sei und wie er ein glückliches und erfülltes Leben finden könne. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass dies durchaus möglich sei, und zwar im Diesseits und nicht erst in einem jenseitigen Leben. Dabei gelten bestimmte Grundwerte, wie die Würde des Menschen, seine Freiheit und Gleichheit, unabhängig von dem jeweils herrschenden Gesetz. Für Humanisten ist der Mensch die höchste Stufe der Schöpfung, durchaus vergleichbar mit dem Imago Dei christlicher Theologie. Auch der Humanismus muss sich weiterentwickeln und nach Antwort auf die bestehende Sinnleere seiner Existenz suchen. Hegel hat gesagt, dass die Aufklärung zwar den Menschen klüger, aber nicht notwendigerweise besser gemacht hätte. Für einen zukünftigen "Neuhumanismus" müsste nicht nur die Beschaffenheit des Menschseins eine Rolle spielen, sondern auch die Lebensqualität.
Werte für die Zukunft: Wirtschaftsethik und Gesellschaftspolitik
Dr. Joachim F. Reuter, Diplom-Volkswirt und Autor, referierte über das Thema "Wirtschaftsethik und Soziale Marktwirtschaft". Damit die Marktwirtschaft funktioniert und nicht aus dem Ruder läuft, benötigt sie ethische Maßstäbe und einen Katalog von Selbstverpflichtungen. Unter Anderem wird für Manager eine Art feierlich und öffentlich abzulegender "Hippokratischer Eid für die Wirtschaft" vorgeschlagen. Der außerdem erforderliche Kontrollrahmen der Marktwirtschaft kann allerdings nur in einem demokratischen System wirksam sein, in dem die Gewaltenteilung funktioniert; das ist in Deutschland durch das Weisungsrecht der Politik gegenüber Staatsanwälten nur eingeschränkt der Fall. Das Rechtssystem muss für Gerechtigkeit sorgen und darf keine gesellschaftliche Gruppe bevorrechtigt behandeln, weder die Finanzwelt, noch die Politik und auch nicht die Gewerkschaften. Es geht um Beschränkung und Begrenzung der Macht. Nach dem Korruptionsindex von Transparency International sieht sich Deutschland vor mehreren ebenfalls exportintensiven Ländern positioniert. Die Bundesrepublik hat zwar die UN-Konvention gegen Korruption aus dem Jahr 2003 unterzeichnet, aber nicht ratifiziert; auch das ist ein Grund für die schlechtere Einstufung im Korruptionsindex.
Dr. Dietrich Seidel, langjähriger Dozent am Unification Theological Seminary (UTS) in New York, widmete sich dem Thema "Werte und Familie". Eltern leisten einen "ungeschriebenen Eid" gegenüber ihren Kindern, nämlich dass sie sie nach bestem Wissen und Gewissen erziehen werden. Dennoch sehen sich viele Familien unfähig, die von ihnen als wahr erkannten Werte auch umzusetzen. Warum gibt es keine größeren Erfolge in der Heilung funktionsgestörter Familien? Ein Grund dafür ist sicher selbstbezogener Individualismus der jeweiligen Elternteile gepaart mit unrealistischen Erwartungen an den anderen. Nicht mit Selbstbezogenheit, sondern nur auf der Grundlage von "Partnerbezogenheit" kann eine Ehe funktionieren. Der Partner muss zur wichtigsten Person im Leben gemacht werden. Nur so kann eine dauerhafte Partnerschaft gelingen. Dabei ist die Sozialisation in der Familie für den Menschen von entscheidender Bedeutung. Denn was er dort sozusagen im Kleinen erlebt und erlernt, kann er in einem größeren sozialen Kontext anwenden.
Alois Serwaty, Geschäftsführender Vorstand des Netzwerk Nahtoderfahrung und Herausgeber zahlreicher Bücher zum gleichen Thema, referierte über "Hoffnungsträger Nahtoderfahrung? Ethische und spirituelle Impulse für eine gute Zukunft." Studien belegen, dass 4% der Bevölkerung Deutschlands schon einmal Erfahrungen mit dem Eintreten in eine geistige Licht-Welt hatten, in der sie tiefe Liebe und Geborgenheit fühlten, aber auch eine Rückschau auf ihr Leben und dessen Bewertung erlebten. Berichte über sogenannte Nahtoderfahrungen gibt es in allen Kulturbereichen, Religionen und geschichtlichen Epochen. Einer der ältesten Berichte ist im Gilgamesch Epos zu finden. Diese Erlebnisse unterscheiden sich klar von Halluzinationen oder Psychosen. Für den Betroffenen sind das sehr reale Erlebnisse, die nicht physiologisch erklärt werden können. Sie erleben oft eine Neuorientierung ihrer Prioritäten im Leben. Während die Wertschätzung des eigenen Lebens eine Aufwertung erfährt, erweist sich ein Leben auf materialistischen Werten und Errungenschaften als sinnlos uns leer. Personen mit Nahtoderfahrungen haben oft die Einsicht, dass die persönliche Karriere nicht das wichtigste in ihrem Leben ist, sondern wie sie ihr Leben zum Wohl der Gesamtheit gestalten können.
In seinem zweiten Vortrag sprach Dr. Joachim F. Reuter zum Thema "Wissenschaft und Religion". Richard Dawkins' Thesen in seinem Buch "Gotteswahn" lassen sich dann widerlegen, wenn man die Grenzen der Vernunft nicht nur in Glaubensfragen, sondern seit den Erkenntnissen des vorigen Jahrhunderts auch in der Physik bedenkt: Die Quantenphysik lehrt uns, dass ein Teilchen gleichzeitig völlig entgegengesetzte Eigenschaften haben kann. Es gibt im Übrigen die sog. ‚verschränkten' Teilchen, die distanzunabhängig und ohne jeglichen Zeitunterschied miteinander kommunizieren: Eine Änderung an einem bewirkt eine instantane Reaktion des anderen. Was wundersame Erscheinungen anbetrifft, sind Wissenschaft und Glauben also kein Widerspruch. Wo die Wissenschaft zum alleinigen Glauben verabsolutiert wird, mutiert sie zur Hybris. Darin liegt zugleich eine Chance für Ethik und Moral, wenn diese die transzendente Ebene einbeziehen und damit nicht dem Zeitgeist und der Beliebigkeit unterliegen.
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Der letzte Beitrag "Werte aus der Perspektive der Vereinigungsphilosophie" kam von Karl-Christian Hausmann, Vorsitzender der Universal Peace Federation - Deutschland. Obwohl es in unserer Gesellschaft seit drei Generationen keinen Krieg mehr gab, und die Deutschen viermal so viele Autos wie Kinder besitzen, herrscht eine erstaunliche Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Das Misstrauen gegenüber Politik und Wirtschaft wächst ständig. Das hängt vorrangig damit zusammen, dass wir immer noch keine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden haben. Der bekannte Psychologe und Philosoph Viktor Frankl hat erkannt, dass das innerste Streben des Menschen sich nach einem sinnvollen Leben sehnt. Sinn und Zweck des Lebens sind eng verbunden mit Werten. Dabei stellt sich die Frage, ob es absolute und allgemeingültige Werte gibt, oder ob alle Werte relativ sind. Nur weil eine Mehrheit etwas macht oder für richtig hält, entsteht daraus noch kein Wert. Der vielzitierte Wertewandel stellt sich nur allzu häufig als ein Werteverlust heraus. Gehen die Werte im Leben verloren, wird es buchstäblich "wertlos". Aber über welche Werte sprechen wir? Viele Werte, gerade im zwischenmenschlichen Bereich, haben ihren Ursprung in der Familie. Man könnte von der Familie geradezu als "Matrix des Universums" sprechen. Wenn eine Gesellschaft Familienwerte, wie Achtung, Hilfsbereitschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl etc. verliert, kann selbst der Staat für die Folgekosten auf Dauer nicht aufkommen. Politik sollte sich mit Axiologie (der Lehre von den Werten) noch viel ausführlicher beschäftigen und nicht nur der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung hinterherlaufen.
Resolution und Appell
Am Ende der Tagung einigten sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Resolution, in der sechs "Werte" für eine friedliche Zukunft als unabdingbar bezeichnet werden: Gott als Zentrum der menschlichen Gesellschaft zu verstehen; ein Leben zum Wohl des Gemeinwesens zu führen; die Bedeutung der Familie anzuerkennen; Wissenschaft und Religion als sich ergänzende Aspekte zu betrachten; die geistige Dimension des Lebens zu würdigen und die interreligiöse und internationale Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu fördern.
Des Weiteren wurde beschlossen, an den Bundestag und an verantwortliche Politiker zu appellieren, den derzeitigen Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung entsprechend der UN-Konvention gegen Korruption aus dem Jahre 2003 zu ratifizieren, so wie das bereits 148 Staaten getan haben.
- Resolution
- Appell an den Bundestag